2021
Was ist die Wahrheit?
Im Auge des Betrachters ist das erste Buch, das ich je geschrieben habe. Es ist damals im Rahmen einer Challenge entstanden: Schaffe ich es, innerhalb von vier Monaten ein Buch zu schreiben.
Das eindeutige Ergebnis lautete "Ja!" - auch wenn ich heute sicher einiges ändern würde. Ehrlicherweise war es eine ungemein kreative Erfahrung und einige Passagen erfreuen mich beim Durchlesen immer wieder.
Inhaltlich war das Ziel, den Begriff der Wahrheit zu untersuchen und anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, ich würde dem Leser versuchen eine bestimmte Wahrheit aufzuzwingen.
Das eindeutige Ergebnis lautete "Ja!" - auch wenn ich heute sicher einiges ändern würde. Ehrlicherweise war es eine ungemein kreative Erfahrung und einige Passagen erfreuen mich beim Durchlesen immer wieder.
Inhaltlich war das Ziel, den Begriff der Wahrheit zu untersuchen und anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, ich würde dem Leser versuchen eine bestimmte Wahrheit aufzuzwingen.
Im Buch selbst geht es um die Suche nach der Wahrheit. Es kommt dabei ohne einen klaren Hauptprotagonisten aus, sondern springt zwischen vier Charakteren hin und her. Grundsätzlich dreht sich die Geschichte um Steven Uttensen, den Drummer der Band um den extrovertierten Rapper Johnny C. Dieser wird eines Tages überraschend wegen Vergewaltigung angeklagt.
Rolf Truggenbrot, ein Journalist der hiesigen Tageszeitung, schlüpft gewisser Weise in die Rolle des Detektivs und versucht die Hintergründe aufzudecken. Thomas Frei, der überaus erfolgreiche Rechtsanwalt, der die Anklage vertritt, strebt einem Meilenstein an gewonnenen Fällen entgegen und wittert leichtes Spiel. Tontechniker Dennis Dobri könnte der einzige sein, der Licht ins Dunkeln der Anschuldigungen bringt, doch seine Selbstmordgedanken sind allgegenwärtig. Bandleader Johnny C. kann sich im besten Willen nicht vorstellen, dass sein langjähriger Gefährte Steven zu einer Vergewaltigung in der Lage wäre und doch kommen auch ihm mit der Zeit Zweifel.
Rolf Truggenbrot, ein Journalist der hiesigen Tageszeitung, schlüpft gewisser Weise in die Rolle des Detektivs und versucht die Hintergründe aufzudecken. Thomas Frei, der überaus erfolgreiche Rechtsanwalt, der die Anklage vertritt, strebt einem Meilenstein an gewonnenen Fällen entgegen und wittert leichtes Spiel. Tontechniker Dennis Dobri könnte der einzige sein, der Licht ins Dunkeln der Anschuldigungen bringt, doch seine Selbstmordgedanken sind allgegenwärtig. Bandleader Johnny C. kann sich im besten Willen nicht vorstellen, dass sein langjähriger Gefährte Steven zu einer Vergewaltigung in der Lage wäre und doch kommen auch ihm mit der Zeit Zweifel.
Im goldenen Bilderrahmen ziert die Waage der Justitia den Hintergrund. In großen, alt und elegant wirkenden Buchstaben ist das Wort Diplom zu lesen und der Stempel der Universität ist rund und kräftig. Das wertvollste Dokument meines Lebens hängt über dem kleinen Barschrank mit eingebautem Minikühlschrank, auf dem ein Gläserset aus drei Teilen steht. Das vierte Glas halte ich in der Hand, gefüllt mit einem Schluck Whiskey. Selbiger war nicht ganz billig, knapp unter 100 € die Flasche, aber der Geschmack rechtfertigt das. Wenn es etwas gibt, was das Geld wert ist, dann sind es jene Dinge im Leben, die für eine ekstatische Begeisterung der Sinne sorgen - dazu gehört dieser speziell in Schottland gebraute Whiskey definitiv.
Mein Blick schweift durch den mit Mahagonimöbeln ausgestatteten Raum, dessen Regale eindrucksvolle Weltliteratur, prall gefüllte Ordner mit Fällen und riesige Sammlungen von Gesetzestexten beinhalten. Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Dieser inspirierende Satz steht auf einer Tafel an der gegenüberliegenden Wand. Es ist nicht der einzige Spruch dieser Art, denn in jedem der drei Geschäftsräume hängen zwei Exemplare mit motivierenden Zitaten großer Persönlichkeiten. Die zweite Tafel im Raum besagt: Wer kein Ziel hat, kann auch keines erreichen. Die Tafeln sind Teil meines Alltags, eine Erinnerung an das, was ich erreichen will. Meine Ziele habe ich immer vor Augen - ich weiß, wohin ich will.
Zwei weitere Fälle sind heute Morgen reingekommen. Ich wusste, es würde ein guter Tag werden, als ich die letzten Stufen der Tiefgarage hinaufstieg, die Morgensonne mir ins Gesicht schien und ich die Aufschrift Rechtsanwalt Dr. Thomas Frei neben der Eingangstür las. Zwischen all den exquisiten Geschäften, großen Lofts und unzähligen Eingängen von Steuerberatern und Versicherungsexperten fällt der Eingang gar nicht auf. Dennoch ist die Gegend absolut perfekt und verspricht reiche Kundschaft. Dass ich diesen Standort einmal übernehmen könnte, hatte ich nicht erwartet, doch zwei Zufälle machten es möglich. Zum einen war da mein Praktikum, das ich als 19-jähriger in genau diesem Gebäude absolvierte. Der Vorbesitzer, ebenfalls Anwalt, galt als Legende in der Stadt und sah etwas in mir, das ihm gefiel. Dem ersten vierwöchigen Praktikum folgte ein zweites, diesmal über drei Monate. Wir verstanden uns prächtig und Jahre später bekam ich einen Anruf, ob ich nicht Interesse hätte, die Räumlichkeiten zu übernehmen. Finanziell wäre das für mich allein jedoch nie machbar gewesen, also war ich auf Hilfe angewiesen. Der zweite Zufall trat ein, als ich Herrn Russ kennenlernte, einen weiteren Rechtsanwalt, der zufällig beim Strandurlaub auf den Malediven das Hotelzimmer neben mir bewohnte und sich gleich zweimal in der Tür irrte. So lernten wir uns kennen und schätzen. Ich konnte ihm damals schon ansehen, dass er nicht nur über eine Menge Geld verfügte, sondern es auch gern ausgab. Sein rundes Gesicht, die weit geöffneten Augen und die großen Nasenlöcher deuteten darauf hin. Trotzdem fiel mir schwer, ihn zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, die Miete für die Erdgeschosswohnung mitzubezahlen und gemeinsam zu nutzen. Im Nachhinein aber bin ich heilfroh, es getan zu haben, zumal er nur zwei Sekunden nachdachte und dann mit breitem Lächeln zusagte. Es sei eine tolle Idee und er wolle schon seit längerer Zeit seinen Standort verlegen und näher im Zentrum arbeiten. Was wir dann innerhalb eines halben Jahres aus der Fläche gemacht haben, gleicht einem dieser Makeovers aus den typischen Frauenfilmen, in denen das Mauerblümchen zum Model wird. Das Einzige, was vom ursprünglichen Interieur geblieben ist, ist Frau von Gesollte, die Sekretärin des Vermieters, die ich noch aus meiner Zeit als Praktikant kenne. Sie ist so gut, dass sie es schafft, für Herrn Russ und mich alles zu organisieren - ein wahres Talent. Offiziell könnte sie nächstes Jahr in Rente gehen, aber ich hoffe, dass sie noch ein bis zwei Jahre dran hängt.
Der erste neue Fall betrifft einen Nachbarschaftskleinkrieg, bei dem es in aller erster Linie um Lärmbelästigung geht. Der Kläger behauptet, mein Mandant würde zu unmenschlichen Zeiten Gartenarbeit verrichten und darüber hinaus mit lauter Musik die Nachtruhe stören. Er klagt jedoch alleine, was bereits darauf hindeutet, dass mein Mandant nicht massiv gegen gesetzliche Auflagen verstößt. In der Akte zu dem Fall ist ein Bild des Klägers beigefügt, auf dem sein Gesicht älter wirkt als die 52 Jahre, die im Profil stehen. Die dunklen Augen sind offen und rund, die Augenbrauen kurz und gerade. Demzufolge ist er wahrscheinlich ein Mensch, der zu impulsiven und emotionalen Entscheidungen neigt. Die schmalen Lippen und sein dünnes Kinn sagen mir, dass er nicht besonders durchsetzungsfähig ist. Aus seiner flachen, wenig ausgeprägten Stirn schließe ich, dass er geradlinig denkt und im Fall keine Überraschungen seinerseits zu erwarten sind. Strategisch werden wir sehr faktenbasiert vorgehen und gezielt emotionale Stiche setzen, sodass der Kläger möglicherweise die Fassung verliert - dann sollte das Urteil schnell gefällt sein. Mein Mandant ist unschuldig.
Der zweite Fall ist etwas brisanter. Der Anruf kam früh am Morgen - eine gewisse Frau Yunoma war am Apparat und schilderte aufgebracht, dass sie von einer Bekannten gehört hätte, ich sei der beste Anwalt der Stadt und sie bräuchte meine Hilfe. Am vergangenen Wochenende sei es nämlich im Rahmen einer Feier zu sexueller Belästigung gekommen, für die es mindestens zwei Zeuginnen gebe und der Barkeeper ebenfalls etwas mitbekommen haben müsste. Mein erster Eindruck war, dass sie absolut Recht hat: Ich bin tatsächlich der beste Anwalt der Stadt. Auch im Fall selbst hat sie offenbar gute Argumente für sich, weshalb ich ihr sagte, sie solle sich mit Frau von Gesollte kurzschließen, um einen Termin auszumachen. Ich muss gleich mal nachfragen, was daraus geworden ist.
Mein Blick schweift durch den mit Mahagonimöbeln ausgestatteten Raum, dessen Regale eindrucksvolle Weltliteratur, prall gefüllte Ordner mit Fällen und riesige Sammlungen von Gesetzestexten beinhalten. Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Dieser inspirierende Satz steht auf einer Tafel an der gegenüberliegenden Wand. Es ist nicht der einzige Spruch dieser Art, denn in jedem der drei Geschäftsräume hängen zwei Exemplare mit motivierenden Zitaten großer Persönlichkeiten. Die zweite Tafel im Raum besagt: Wer kein Ziel hat, kann auch keines erreichen. Die Tafeln sind Teil meines Alltags, eine Erinnerung an das, was ich erreichen will. Meine Ziele habe ich immer vor Augen - ich weiß, wohin ich will.
Zwei weitere Fälle sind heute Morgen reingekommen. Ich wusste, es würde ein guter Tag werden, als ich die letzten Stufen der Tiefgarage hinaufstieg, die Morgensonne mir ins Gesicht schien und ich die Aufschrift Rechtsanwalt Dr. Thomas Frei neben der Eingangstür las. Zwischen all den exquisiten Geschäften, großen Lofts und unzähligen Eingängen von Steuerberatern und Versicherungsexperten fällt der Eingang gar nicht auf. Dennoch ist die Gegend absolut perfekt und verspricht reiche Kundschaft. Dass ich diesen Standort einmal übernehmen könnte, hatte ich nicht erwartet, doch zwei Zufälle machten es möglich. Zum einen war da mein Praktikum, das ich als 19-jähriger in genau diesem Gebäude absolvierte. Der Vorbesitzer, ebenfalls Anwalt, galt als Legende in der Stadt und sah etwas in mir, das ihm gefiel. Dem ersten vierwöchigen Praktikum folgte ein zweites, diesmal über drei Monate. Wir verstanden uns prächtig und Jahre später bekam ich einen Anruf, ob ich nicht Interesse hätte, die Räumlichkeiten zu übernehmen. Finanziell wäre das für mich allein jedoch nie machbar gewesen, also war ich auf Hilfe angewiesen. Der zweite Zufall trat ein, als ich Herrn Russ kennenlernte, einen weiteren Rechtsanwalt, der zufällig beim Strandurlaub auf den Malediven das Hotelzimmer neben mir bewohnte und sich gleich zweimal in der Tür irrte. So lernten wir uns kennen und schätzen. Ich konnte ihm damals schon ansehen, dass er nicht nur über eine Menge Geld verfügte, sondern es auch gern ausgab. Sein rundes Gesicht, die weit geöffneten Augen und die großen Nasenlöcher deuteten darauf hin. Trotzdem fiel mir schwer, ihn zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, die Miete für die Erdgeschosswohnung mitzubezahlen und gemeinsam zu nutzen. Im Nachhinein aber bin ich heilfroh, es getan zu haben, zumal er nur zwei Sekunden nachdachte und dann mit breitem Lächeln zusagte. Es sei eine tolle Idee und er wolle schon seit längerer Zeit seinen Standort verlegen und näher im Zentrum arbeiten. Was wir dann innerhalb eines halben Jahres aus der Fläche gemacht haben, gleicht einem dieser Makeovers aus den typischen Frauenfilmen, in denen das Mauerblümchen zum Model wird. Das Einzige, was vom ursprünglichen Interieur geblieben ist, ist Frau von Gesollte, die Sekretärin des Vermieters, die ich noch aus meiner Zeit als Praktikant kenne. Sie ist so gut, dass sie es schafft, für Herrn Russ und mich alles zu organisieren - ein wahres Talent. Offiziell könnte sie nächstes Jahr in Rente gehen, aber ich hoffe, dass sie noch ein bis zwei Jahre dran hängt.
Der erste neue Fall betrifft einen Nachbarschaftskleinkrieg, bei dem es in aller erster Linie um Lärmbelästigung geht. Der Kläger behauptet, mein Mandant würde zu unmenschlichen Zeiten Gartenarbeit verrichten und darüber hinaus mit lauter Musik die Nachtruhe stören. Er klagt jedoch alleine, was bereits darauf hindeutet, dass mein Mandant nicht massiv gegen gesetzliche Auflagen verstößt. In der Akte zu dem Fall ist ein Bild des Klägers beigefügt, auf dem sein Gesicht älter wirkt als die 52 Jahre, die im Profil stehen. Die dunklen Augen sind offen und rund, die Augenbrauen kurz und gerade. Demzufolge ist er wahrscheinlich ein Mensch, der zu impulsiven und emotionalen Entscheidungen neigt. Die schmalen Lippen und sein dünnes Kinn sagen mir, dass er nicht besonders durchsetzungsfähig ist. Aus seiner flachen, wenig ausgeprägten Stirn schließe ich, dass er geradlinig denkt und im Fall keine Überraschungen seinerseits zu erwarten sind. Strategisch werden wir sehr faktenbasiert vorgehen und gezielt emotionale Stiche setzen, sodass der Kläger möglicherweise die Fassung verliert - dann sollte das Urteil schnell gefällt sein. Mein Mandant ist unschuldig.
Der zweite Fall ist etwas brisanter. Der Anruf kam früh am Morgen - eine gewisse Frau Yunoma war am Apparat und schilderte aufgebracht, dass sie von einer Bekannten gehört hätte, ich sei der beste Anwalt der Stadt und sie bräuchte meine Hilfe. Am vergangenen Wochenende sei es nämlich im Rahmen einer Feier zu sexueller Belästigung gekommen, für die es mindestens zwei Zeuginnen gebe und der Barkeeper ebenfalls etwas mitbekommen haben müsste. Mein erster Eindruck war, dass sie absolut Recht hat: Ich bin tatsächlich der beste Anwalt der Stadt. Auch im Fall selbst hat sie offenbar gute Argumente für sich, weshalb ich ihr sagte, sie solle sich mit Frau von Gesollte kurzschließen, um einen Termin auszumachen. Ich muss gleich mal nachfragen, was daraus geworden ist.